Herz entfernt und Zähne gezogen

Die Wische wartet in Elsfleth auf ihren Umbau. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Elsfleth. Da liegt sie an der Elsflether Kaimauer – groß und grau blickt sie ein wenig traurig. Ihre trockene Bezeichnung „Y895“ ist wenig ermunternd. Der Name „Wische“ ist bereits ihre zweite Bezeichnung. Eigentlich hieß das große Wohnschiff einmal „Harz“, doch da war sie noch im Dienste der DDR. Später nach dem Mauerfall musste sie ihren Namen ändern. Es gab in der Deutschen Marine bereits den Betriebsstofftransporter Harz (A 1428). Als „Y895“, die am 4. Juni 1985 im Dienst der Volksmarine kam, zur Deutschen Marine wechselte, war nur Platz für eine „Harz“.
Jetzt liegt die „Wische“ als Kontrast hinter dem strahlend weißen Segelschulschiff Großherzogin Elisabeth, die liebevoll „Lissy“ genannt wird. Eigentlich sollte sie schon ins Dock auf die Werft, um dort umfangreich überholt zu werden, doch da ist aufgrund hoher Auftragslage gerade kein Platz mehr. Also wartet das Wohnschiff, welches zur Ohre-Klasse gehört, brav am Elsflether Kai.
„Wir passen hier auf, dass keiner auf dumme Gedanken kommt.“ Obermaart Felix Neßler dreht zusammen mit Obermaart Philipp Kruger seine Runden im und auf dem Schiff. Während Felix Neßler aus Schleswig-Holstein stammt, geht es für Philipp Kruger bald zurück in die Heimat nach Bayern. Bis dahin aber müssen beide an diesem Wochenende auf der Hut sein – soweit es in Elsfleth nötig ist. „Wir haben hier schon in Gesprächen gemerkt, dass die Elsflether sehr marinefreundlich und interessiert sind“, ist Felix Neßler beruhigt.
Im Innenbereich der „Wische“ wurde bereits kräftig gewerkelt. Der Boden ist bereits mit Styroporplatten ausgelegt und die Kabinen teilweise komplett herausgeräumt. In der Werkstatt

sieht man nur noch die Umrisse der Werkzeuge an der Wand, die einem vorgeben, wo welcher Schraubenschlüssel wieder hinkommt. Die Kombüse wirkt recht geräumig, da auch hier bereits viel entfernt wurde. Nur die Messe für die beiden Wachhabenden ist noch ausgestattet. Hier kommt noch ein wenig Wohnatmosphäre auf.
„Wir können auf See nur zugucken“, erklärt Philipp Kruger, denn die „Wische“ hat seit der Übernahme zur Deutschen Marine keine eigene Maschinenkraft und Rude mehr. Zwar ist alles noch vorhanden, denn ansonsten würde die Trimmung des Wohnschiffes nicht mehr stimmen, doch ein Blick in den Maschinenraum zeigt, dass hier kein Kolben mehr laufen kann. Früher werkelten hier zwei Sechszylinder-Viertakt-Dieselmotoren mit 944 Pferdestärken und zwei Propellern, die die Wische auf sieben Knoten brachte. Das war nicht besonders schnell, aber für die 89,41 Meter lange und 13,22 Meter breite „Wische“ absolut ausreichend. Nun müssen Schlepper die Arbeit verrichten und das Wohnschiff dort hinbringen, wo es gebraucht wird. „Einer vorne, der andere hhinten und wenn es rummst, halten wir uns alle fest“, scherzt Obermaart Kruger, der ein wenig wehmütig die ehemalige Brücke zeigt. Es ist ein leerer Raum. „Ist schon schade, dass wir nicht mehr mit eigener Kraft fahren können.“

Felix Neßler und Philipp Kruger (v.l.) haben sich im kargen Schiff die Messe gemütlich hergerichtet. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Oben an Deck recken sich noch zwei Schornsteine in die Höhe. „Eigentlich sollten die weg, damit wir mehr Platz bekommen – braucht das Schiff ja nicht mehr“, so Felix Neßler. Doch habe sich die Obrigkeit dagegen entschieden. Es würde den Charme der „Wische“ zerstören. Abgebaut hingegen ist die Bewaffnung an Bord. Zwei 25-mm-L/70-Flugabwehrkanonen und zwei FASTA-4-Startern für 16 Strela-2-Flugabwehrraketen waren einmal zur Verteidigung verfügbar. Der „Wische“ wurde somit nicht nur das Maschinenherz genommen, sondern auch die Zähne gezogen. Dafür gibt es aber eine Sauna an Bord. „Bisschen Wellness darf ja ruhig sein“, lächelt Philipp Kruger.

In der Peene-Werft bei Wolgast gebaut soll nun die „Wische“ in die Elflether Werft. „Vor Januar wird das wohl nichts mehr“, befürchtet Philipp Kruger, der einsam seine Runden dreht. Das Wohnschiff kann 190 Personen beherbergen. Zur Stammbesatzung zählen zehn Mann. Neben der „Wische“ gehören noch fünf weitere Wohnschiffe zur Ohre-Klasse: Vogtland, Altmark, Havelland, Börde und Uckermark. Doch nur noch die „Wische“ und die „Altmark“ sind im Dienste der Deutschen Marine. Die anderen Schiffe sind in die Türkei, Singapur und sogar an einem privaten Eigner verkauft worden.

Im Juni nächsten Jahres soll die „Wische“ im neuen Glanz erstrahlen. „So ist es zumindest geplant“, lächelt Felix Neßler, der die „Wische“ ins Herz geschlossen hat. Er glänzt mit umfangreichen Wissen über die Ohre-Klasse, kennt viele Daten auswendig und kann auch hier und da eine Geschichte erzählen. Nicht zuletzt diese von dem Verbot, das Achterdeck im Marinejargon „Schanz“ zu nennen. „Normalerweise ein ganz normaler Begriff, bis ein weibliches Besatzungsmitglied mit dem Nachnamen Schanz an Bord kam“, berichtet der Obermaart. Als dann der übliche Befehl über Lautsprecher „Vier Mann auf die Schanz“ kam, brach die ganze Besatzung in Gelächter aus, unter anderem auch die Soldatin Schanz, die es keinem übel nahm. Dennoch wurde der Marinebegriff „Schanz“ für das Achterdeck nun offiziell untersagt.