„Ich lebe jeden Tag in den Miesen“

Ramona lebt jeden Tag in den Miesen. Deswegen ist Ausgehen nicht drin. Aber man kann sich auch für zu hause schick machen. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Oldenburg. Samstagabend, Ramona Stieglitz aus Oldenburg sitzt auf ihrem Sofa und schaut in den Fernseher. Die 26jährige Studentin könnte jetzt auch auf einer tollen Party sein. Aber sie ist eine alleinerziehende Mutter und stolz darauf. Ihr sechsjähriger Sohn John schläft nebenan. Er ist in diesem Jahr eingeschult worden. „Wie die Zeit vergeht“, sagt Ramona etwas wehmütig und bedauert nur, dass sie ihm nicht alles das bieten kann, was andere Familien können. Denn Ramona lebt jeden Tag in den Miesen. Ihr Geld reicht hinten und vorne nicht. Sicherlich könne sie es sich einfach machen und einfach Hartz 4 beantragen, doch dann wäre es aus mit ihrem Studium und sie müsse sich auf dem Arbeitsmarkt vermitteln lassen. Das wiederum hat wenig Aussicht, denn Ramona ist noch ungelernt. „Ich musste meine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin im dritten Lehrjahr abbrechen, weil ich schwanger geworden bin“, erzählt Ramona, die mit ihrem damaligen Partner sehr glücklich darüber war. Im Grunde auch kein Problem, denn der Arbeitgeber ist verpflichtet, Ramona wieder nach dem Mutterschutz aufzunehmen. Doch dazu kam es nicht, weil ihr Partner sie verließ und sie die Ausbildung mit einer nur geringeren Stundenzahl hätte beenden können. Darauf ließ sich der Arbeitgeber nicht ein. „Das war ein herber Schlag für mich, da ich kurz vor dem Ziel stand“, ist Ramona immer noch böse über so wenig Entgegenkommen. Doch die alleinerziehende Mutter, die erst einmal mit ihrer neuen Lebenssituation klar kommen musste, steckte nicht den Kopf in den Sand.

„Es musste ja irgendwie weiter gehen und ich wählte die Flucht nach vorne“, erzählt Ramona, die sich dazu entschied, ihr Abitur nachzumachen. Also ging es zurück auf die Schulbank. „Das war ganz schön schwierig, denn zu Hause hatte ich ja auch noch John“, so die alleinerziehende Mutter, die damals in Papenburg wohnte. Zwischen Kinderspielzeug und Haushalt lagen dann ihre Lernutensilien. Jede freie Minute schaute sie in ihre Bücher. Und sie schaffte es.

Auf in die Uni

Doch es geht noch mehr, nahm sich Ramona vor und meldete sich an der Seefahrtschule Leer zum Studium an. Mittlerweile ist sie im dritten Semester des Studienganges Schiffs- und Reedereimanagement. „Mir steht noch ein langer Weg bevor“, weiß Ramona, die aber eines Tages ihrem Sohn ein besseres Leben ermöglichen möchte. Zur Zeit aber zerrt Ramona stark von ihrer positiven Lebenseinstellung, denn die Behörden spielen nicht mit. „Für den Rest des Monats habe ich noch 1,25 Euro übrig“, schaut sie in ihr Portemonnaie. Der Kalender zeigt aber noch neun Tage bis zum nächsten Monat an. Im Badezimmer ist nur noch eine Klopapierrolle. „Allein so etwas stellt mich vor ein logistisches Problem.“

Rund 1.000 Euro für alles

Als Studentin erhält Ramona Bafög. Das sind 865 Euro im Monat. Für ihren Sohn John bekommt sie 186 Euro Kindergeld. Macht zusammen rund 1.000 Euro, von denen noch alle Kosten abgehen. Da wäre zum einen die Miete für ihre Wohnung in Oldenburg. Jene beträgt 600 Euro warm. „Danach bleibt schon nicht mehr viel übrig“, bedauert Ramona, die nach Oldenburg ziehen musste, weil ihre Familie hier wohnt, die sich dann auch hin und wieder um John kümmern kann. Ganze 90 Euro gehen monatlich für die Krankenkasse weg. Dann muss sie ihr Auto unterhalten, das zum Glück mit Gas betrieben wird. „Da konnte ich schon ordentlich sparen – der Wagen darf nur nicht kaputt gehen“, hofft sie. Von dem wenigen Rest des Geldes muss sich Ramona und ihr Sohn John versorgen. Essen, Hygieneutensilien, Schulbücher, Kleidung und sonstige Kosten fressen ihr Budget nach und nach auf. Eigentlich würde Ramona noch mehr zu stehen. „Doch die Behörden spielen nicht mit“, bedauert sie. Das fängt schon mit den Unterhaltszahlungen an. Der Vater des Kindes sei zahlungsunfähig, doch das Jugendamt verzettele sich in Bürokratie. Auch Jobcenter und Wohngeldamt sperren sich. Somit bleibt Ramona auf ihren Kosten sitzen. Mittlerweile hat sie bei Familie und Freunden bereits 10.000 Euro Schulden gemacht. Und die Hälfte vom Bafög muss sie irgendwann auch wieder zurückzahlen. Mittlerweile möchte Ramona sich kein weiteres Geld leihen, da sie befürchtet, so in die Schuldenfalle zu geraten. Würde sie ihr Studium aufgeben und Hartz4 beantragen, hätte sie deutlich mehr Geld im Monat zur Verfügung. Doch das kommt für Ramona nicht in Frage. Die selbstbewusste Oldenburgerin will sich da durchboxen.

John hat nicht viel Spielzeug: ein bisschen Lego, aber dafür ganz viel Fantasie. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Etwas nebenbei verdienen

Sicherlich wäre ein Nebenjob für Ramona eine Möglichkeit, um ihr finanzielles Auskommen zu verbessern. Doch einerseits fehlt die Zeit als alleinerziehende Muter, andererseits darf sie nur 100 Euro im Monat dazu verdienen. „Rechtlich ist es in meinem Fall so, dass alles was ich über diesen Satz verdiene, zu 80 Prozent wieder abgezogen wird“, ist Ramona enttäuscht über die Gesetzgebung in Deutschland. Einen Job zu finden, der nur 100 Euro im Monat bringt, ist nahezu unmöglich. Sie wäre sich nicht einmal zu schade zum Putzen. „Bis jetzt habe ich auch Angebote bekommen, doch sehr Fragwürdige“, erzählt sie. Der letzte Herr wollte gerne, dass sie beim Putzen des Hauses ihn regelmäßig bei der Selbstbefriedigung erwische. Hin und wieder nimmt Ramona Fotomodelaufträge an. „Aber auch hier sind viele unseriös“, bedauert Ramona. „Und zahlen wollen die auch nichts.“ Dabei könne die 26jährige Mutter gut etwas zusätzlichen Geld gebrauchen. Im letzten Jahr gab es für ihren Sohn schon keine Weihnachtsgeschenke von ihr. In diesem Jahr sehe es nicht viel besser aus. „John war auch erst einmal in einer Spielscheune“, bedauert sie, dass sie ihrem Sohn nur Aktivitäten bieten kann, die nichts kosten, wie zum Beispiel Spielplätze. John würde gerne Gitarre lernen, doch der Beitrag bei der Musikschule sei nicht zu stemmen. Auch ein Sportverein sei leider nicht drin. Trotz all dem Optimismus, den Ramona mitbringt, ärgere sie sich darüber, dass sie als alleinerziehende Mutter und Studentin von den Behörden so allein gelassen wird. „Es ist ja nicht so, dass ich faul zu Hause herumliege, sondern tue ja alles, damit es uns irgendwann besser geht“, erklärt Ramona, die gerne auf eigenen Beinen stehen möchte. Doch dafür benötigt sie jetzt Hilfe, die sie leider nicht bekommt.