Jeden Euro zweimal umdrehen – Das Dilemma um schmale Löhne und geringer Rente

Nicht nur im Alter muss man sein Geld zusammen halten. Wer jetzt nicht vorsorgt, hat später ein Problem. (Foto: pr)

Es ist ein regnerischer Sonntagmorgen, doch Rainer S. (Namen geändert) ist schon früh auf den Beinen und radelt in die Innenstadt. Sein Ziel sind die Mülleimer in der Fußgängerzone und die kleinen verwinkelten Ecken, in denen am Abend zuvor die Feierwilligen „abgehangen“ haben. „So sagt man das doch heutzutage, oder“, lächelt der 69jährige Rentner, der hofft, dort Pfandflaschen noch zu finden. Doch die Konkurrenz ist groß. Viele ziehen bereits nachts durch die Straßen und sammeln ein, was nur geht. Doch dem Rentner bleibt nichts anderes übrig, denn sein monatliches Budget reicht hinten und vorne nicht. Rainer S. hat in seinem Leben fast die ganze Zeit gearbeitet, aber nie bei vollem Lohn. Seine Jobs waren Taxifahren, Gärtnerarbeiten und andere teilweise Aushilfstätigkeiten, bei denen die Stundenlöhne sehr niedrig sind. „Es kam einfach nicht genug in die Rentenkasse rein“, weiß der gelernte Schlosser, der auch keinerlei private Vorsorge getroffen hat. Er sei immer davon ausgegangen, dass es am Ende reichen würde. Jetzt ist er froh über jede Petflasche, die er findet und als Pfand abgeben kann. Aber Rainer S. ist nicht sauer oder verärgert über seine Situation. „Es ist so wie es ist“, schmunzelt er. Aber seine Enttäuschung über die Sozialpolitik in Deutschland macht er Luft. „Es ist bedauerlich, dass hochrangige Funktionäre sich die Millionen in die Taschen stecken, während andere ihr Leben lang arbeiten und am Ende es nicht ausreicht“, findet er deutliche Worte. Die soziale Ungerechtigkeit im Land nehme immer mehr zu. Die Schere zwischen armen und reichen Menschen öffne sich stetig.

Für Manuel W. sind es nur noch vier Jahre bis zur Rente. Der Industriekaufmann hat nie etwas anderes in seinem Leben gemacht, als Industrieprodukte zu vermarkten. „Es ist kein aufregender Job, aber ein sicherer“, meint der gebürtige Westersteder, der von seinen Kindern einen Kalender geschenkt bekommen hat, an dem er die restlichen Tage bis zur Rente nach und nach abhaken kann. Ob er sich freue, in den Ruhestand zu gehen, kann Manuel W. noch gar nicht bestimmt sagen. „Ich arbeite gerne und habe ein wenig Angst davor, wie es ist, nicht mehr morgens aufstehen zu müssen und seinen Terminkalender zu checken“, befürchtet er. Doch zum Glück ist er glücklich seit 40 Jahren verheiratet und hat auch das eine oder andere Hobby. „Ich möchte vor allem mit meiner Frau einige Reisen machen“, freut sich Manuel W. auf die Planungen. Natürlich vorausgesetzt, dass alle weiterhin so gesund sind wie jetzt auch. Zur Zeit wohnen beide zusammen in einem Reihenendhaus in Oldenburg. „Die beiden Kinder sind schon ausgezogen und haben ihre eigenen Leben“, erzählt er. „Auf die müssen wir keine Rücksicht mehr nehmen“, lacht er weiter. Sein Rentenbescheid verrät Manuel W., dass er nicht übermäßig viel Geld erhalten, es aber mit seiner Privatvorsorge reichen wird. Zudem gebe es ja auch noch das Reihenendhaus, was schuldenfrei ist. „Wir wissen noch nicht, ob wir es behalten wollen, oder ob wir uns etwas anderes zulegen“, so der Industriekaufmann. Vielleicht gehen beide auch ins Ausland und kaufen sich dort ein. „In Spanien bekommt man mittlerweile günstige Immobilien“, weiß Manuel W., der schon seit Jahren mit seiner Frau auf die iberische Halbinsel in den Urlaub fährt. „Das alles ist aber nur möglich, weil ich privat vorgesorgt habe“, merkt er an. Allein von der staatlichen Rente hätten beide nicht leben können, da seine Frau ihr Leben lang Hausfrau war.

Die Berufsgruppe der Friseure gehören meist zu denen, in der die Angestellten zu wenig verdienen, um sich für später etwas wegzulegen. (Foto: pr)

Jeden morgen geht es für Jasmin T. nach Oldenburg in den Friseursalon. Die 20jährige Realschülerin hat sich bewusst für den Beruf als Friseurin entschieden. „Es hat mir schon als Jugendliche Spaß gemacht, meinen Freundinnen die Haare zu schneiden und zu frisieren“, erzählt sie. Der Beruf Friseurin sei ihr Traumjob. Gleich nach der Ausbildung habe sie eine Arbeitsstelle gefunden – sogar auf Vollzeit. Doch das Geld reicht einfach nicht. „Am Ende des Gehaltes ist einfach noch zu viel Monat übrig“, scherzt sie sarkastisch. Sie hat nach allen Sozialabgaben und Steuern rund 1.000 Euro zur Verfügung. Davon muss sie die Miete von ihrer Wohnung in Oldenburg bezahlen, alle Energiekosten, den Unterhalt für ihr Auto, welches sie zum Glück von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte und alle Dinge, die man täglich zum Leben braucht wie Essen und Hygieneartikel. „Ohne Auto geht es leider nicht, da meine Wohnung recht weit draußen ist. Innerhalb von Oldenburg sind die Mietpreise viel zu hoch“, bedauert Jasmin T., die auch zweimal in der Woche in einem anderen Friseursalon im Ammerland eingesetzt wird. Dafür müsse sie auf jeden Fall mobil sein. Ihren Rentenbescheid bekommt sie regelmäßig, fragt sich aber jetzt schon, wie es irgendwann einmal weiter gehen soll. „So viel käme laut Hochrechnung nicht dabei zusammen“, befürchtet sie. Im Fernsehen höre sie immer, dass man auch privat vorsorgen müsse. „Kunststück, wenn man genug Gehalt im Monat hat“, ist Jasmin T. über solche Vorschläge sauer. Meist ist ihr Konto am Ende des Monats überzogen. Von Sparen oder zusätzlicher Absicherung ist sie weit entfernt. „Ich könnte ja noch Pfandflaschen sammeln gehen, um mir etwas zur Seite zu legen“, ist Jasmin T. erbost.

Drei Schicksale, die ganz verschieden sind, aber schlussendlich mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben. Was wird mit mir im Alter? Wie werde ich leben? Rainer S. steckt bereits mitten drin, während andere noch die Möglichkeit haben zu reagieren. Aber oftmals bleibt einem keine Möglichkeit, wie Mitmenschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und am Ende des Monats keinen müden Euro übrig behalten. Auch wenn das Geld bis zum nächsten Gehalt reicht, lebt man auf Pump, denn im Alter fehlt es dann an der Rente. Dann muss eventuell aufgestockt werden, entweder mit Hartz IV oder einem anderem Sozialgeld.

Grundsicherung nutzen

Menschen möchten im Alter gut versorgt sein. Sie haben ein Leben lang gearbeitet und hoffen nun auf ein angenehmes Leben ohne Arbeit. Mit der Rente fällt aber die bisherige Einnahmequelle weg. Laufende Kosten, wie Miete, Hausabtrag und Lebensunterhalt müssen gesichert werden. Wer in seinem Leben eine gut bezahlte Stelle hatte, konnte mit seinem Gehalt die Rentenkasse gut bestücken. Das macht sich im Alter positiv bemerkbar. Doch nicht immer reicht es am Ende aus. Bleibt demjenigen nicht genug Geld zum Leben, besteht die Möglichkeit, zusätzlich zur Rente Grundsicherung im Alter zu beantragen. Dafür müssen aber ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. So muss die betroffene Person seinen Aufenthalt in Deutschland haben. Auch kann der Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen bestritten werden. Zudem muss die Altersgrenze erreicht worden sein. Jene ist nach einer Tabelle je nach Geburtsjahr gestaffelt.

Schulden im Rentenalter sind für viele eine nicht mehr zu nehmende Hürde. (Foto: pr)

Schulden im Alter

Ein ganzes Leben gearbeitet und stolzer Immobilienbesitzer – das kann in der Rente trotzdem zu einer Schwierigkeit werden. Das Institut für Versicherungswissenschaft an der Universität Köln hat in einer Studie festgestellt, das 23 Prozent der deutschen Immobilienbesitzer über 69 Jahre ihr Haus oder ihre Eigentumswohnung noch nicht abbezahlt haben. Dass es den Rentnern gelingt, nach ihrer Arbeitszeit noch die Immobilie weiter abzuzahlen, ist selten. Bei den 80 bis 92jährigen Immobilieneigentümern läge der Anteil der verschuldeten Haushalte sogar höher bei 24 Prozent. Gründe können dafür zum Beispiel unerwartete Lebensereignisse sein, die einen finanziellen Mehraufwand zur Folge hatten. Das können zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit sein. Plötzlich muss man Raten für die Eigentumsfinanzierung kurzzeitig auf Eis legen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so wird das Geld zu einem späteren Zeitpunkt fällig. Dennoch gibt es aus dieser Misere Wege heraus. So bietet eine Immobilienleibrente die Möglichkeit, das Wohneigentum zu verkaufen, dafür aber das Wohnrecht und entsprechende Rentenzahlungen zu erhalten.

Kosten übersteigen das Ersparte

Doch wie sieht es derzeit mit den Rentnern aus. Laut einer Schätzung haben rund zwei Millionen deutsche Immobilienbesitzer über 65 Jahre monatlich weniger als 1.000 Euro zur Verfügung. Zwar leben viele in ihrem eigenen Heim, doch die Kosten für Instandhaltung und Leben übersteigen meist das Ersparte. Paradox, da deutsche Rentner somit arm und wohlhabend zu gleich sind. Ein Verkauf der Immobilie ist meist die Lösung, mit der der Rentner allerdings nicht sonderlich zufrieden ist.

Wenn es bereits jetzt schon problematisch mit deutschen Rentnern aussieht, wie wird die jetzige Generation, die erst in 30 bis 40 Jahren ihre arbeitsfreie Zeit genießen wollen, leben? Viele Arbeitnehmer haben die kommenden Problematiken erkannt und sich privat zusätzlich abgesichert: Entweder mit einer Privatrente, Betriebsrente, Fondsparplänen oder anderen Anlagemöglichkeiten. Manche investieren auch in Immobilien und möchten sie später einmal versilbern. Doch nicht jeder Arbeitnehmer hat am Ende des Monats ausreichend Geld übrig, um noch zusätzlich etwas zur Seite zu legen. Erst kürzlich haben CDU, CSU und SPD das Gesundheits-Kapitel im Koalitionsvertrag behandelt. Jener betrifft die Berufsgruppen in der Kranken- und Altenpflege. So zielt die Vereinbarung insbesondere auf die Arbeitsbedingungen ab. Unter anderem beinhaltet sie die Forderung nach gesetzlich verbindlichen Untergrenzen für die Personalausstattung in allen bettengeführten Abteilungen der Krankenhäuser.

Flächendeckende Tarifstruktur

Die Gewerkschaft Verdi begrüßt die neuen Regelungen, steht dennoch kritisch da. Zwar soll das Sofortprogramm in der Altenpflege rund 8.000 neue Stellen schaffen, doch sei laut Verdi dieser Plan noch ausbaufähig. Positiv wird die Einführung einer flächendeckenden Tarifstruktur gesehen. Viele Arbeitgeber zeigen sich nicht bereit, mit den Gewerkschaften Tarifverhandlungen zu führen. Dabei sei das Lohnniveau viel zu niedrig in diesem Berufssektor. Insbesondere der ländliche Raum leide darunter. So müssen Pflegekräfte dort vermehrt Fahrten mit ihrem privaten PKW zurücklegen, die sie nicht und nur gering erstattet bekommen.

Arbeit muss sich lohnen. In erster Linie hängt das mit dem Lohnniveau zusammen. Im Land Niedersachsen sind die Löhne allerdings recht niedrig im Vergleich zum übrigen Deutschland.

In Niedersachsen ist das Lohnniveau niedrig

Laut dem Landesamt für Statistik, das regelmäßig den Niedersachsen-Monitor veröffentlicht, erzielten Vollzeitbeschäftigte im produzierendem Gewerbe und im Dienstleistungssektor im Jahre 2016 einen durchschnittlichen Bruttoverdienst von jährlich 45.576 Euro. Im bundesweiten Mittel betrug er hingegen 48.936 Euro. Arbeitnehmer in Niedersachsen verdienen im Schnitt somit weniger als andere deutsche Arbeitnehmer. Den höchsten Bruttoverdienst im Bundesgebiet erhalten Arbeitnehmer in Hamburg. Sie kommen auf durchschnittlich 55.155 Euro im Jahr – gefolgt von Hessen mit 55.155 Euro. Erklärbar ist das laut dem Wirtschaftsministerium in Hannover damit, dass in anderen Bundesländern mehr Unternehmen aus den Hochlohn-Branchen gebe. Insgesamt erreiche Niedersachen im Lohnniveauvergleich in der Bundesrepublik nur Platz zehn.

Schlusslicht Mecklenburg-Vorpommern

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert deutlich das Lohnniveau insbesondere in Niedersachsen. So erhalten 23 Prozent aller niedersächsischen Beschäftigten Niedriglöhne. Im westdeutschen Durchschnitt betrugen es nur 19,3 Prozent. Sogar das Bundesland Bremen, immer wieder in der Kritik aufgrund ihrer Haushaltslage, landet vor Niedersachsen auf den sechsten Platz. Schlusslicht ist allerdings Mecklenburg-Vorpommern.

 

Kommentar

Wann lohnt sich wieder Arbeit? In einigen Berufsgruppen herrscht Frustration, da das Geld am Ende des Monats nicht ausreicht, obwohl die ganze Woche lang gerackert wurde. Doch ist das nur die Spitze des Eisberges, denn dieses Geld fehlt im Alter erst recht. Wer jetzt nicht privat vorsorgt und sich ausschließlich auf die staatliche Rente verlässt, wird im Alter auf die Grundversorgung aufstocken müssen. Und diese reicht gerade einmal dafür aus, zu überleben, nicht aber zu leben, wie es im Rentenalter für jemanden, der sein ganzes Leben lang geschuftet hat, vorgesehen ist. Der Ausspruch „Man hat es sich verdient“ ist zwar bezogen auf die Leistung richtig, in Hinblick auf den Lohn leider nicht. Doch wo liegen die Lösungsansätze? Ganz klar, hier muss die Politik eingreifen. Die freie Wirtschaft wird eher kontraproduktiv dagegen arbeiten. Mehr Lohn heißt auch mehr Kosten für den Betrieb. In Zeiten von hohen Managergehältern stößt dieses sauer auf. Der erste Schritt ist bereits getätigt, dass im Gesundheitssektor flächendeckende Tarifverträge eingeführt werden. Diese müsse auch in anderen Branchen Fuß fassen. Doch der Druck seitens der Wirtschaft ist groß. Sie müssen im weltumfassenden Wettbewerb bestehen. Derzeit herrscht eher ein Gegeneinander zwischen Politik und Wirtschaft als ein Miteinander. Wer am Ende dafür zahlt, ist klar: der Arbeitnehmer.

Jesco von Moorhausen