Kitas stehen unter Druck

Motorische Fähigkeiten zu schulen ist bereits eine wichtige Aufgabe im Kindergarten. (Foto: pr)

Rodenkirchen. Die Elternschaft freut sich. Ab August diesen Jahres ist die Unterbringung der Kinder im Kindergarten komplett kostenlos. „Bis jetzt bezog sich das nur auf das dritte Kindergartenjahr“, erklärt Stadlands Kämmerer Gerd Schierloh und sieht auf die Kommune einige Schwierigkeiten zukommen. Auch Corinna Evers, Ansprechpartner für den Fachbereich Kindertagesstätte in der Gemeinde Stadtrand, rümpft die Nase. „Da kommt eine Welle auf uns zu, die mich schon etwas beunruhigt“, mahnt sie und verweist auf aktuelle Zahlen. So steigen die Anmeldungen von Kindern in Kitas stetig. Im letzten Jahr erreichte die Gemeinde Stadland die Rekordmarke von 347 Kindern. „Und die Tendenz geht nach oben“, erklärt Corinna Evers und zeigt die Belegungssituationen in den sechs Kitas der Gemeinde Stadland auf. So seien nur noch 24 Plätze frei, wovon einer in der Kita Seefeld morgens, die anderen 23 verteilt auf die anderen Kitas nachmittags sind. Damit wären alle Kitas komplett ausgelastet.

Kindergarten als Modeerscheinung

„Jetzt kommt die politische Entscheidung, dass Kitas ab August in allen Kindergartenjahren beitragsfrei für Eltern sind, was uns vor ein großes Problem stellt“, weiß Gerd Schierloh und meint damit gar nicht einmal die finanzielle Belastung der Gemeinde. Weil der Elternbeitrag nun wegfällt, melden nun auch die Eltern ihre Kinder bei Kitas an, denen die Beiträge zuvor zu hoch waren. „Es gibt viele Familien, in denen ein Elternteil vormittags zu Hause ist, dennoch das Kind in die Kita geschickt wird“, weiß Corinna Evers. Es sei derzeit einfach eine Modeerscheinung. Doch die Kitaplätze reichen hinten und vorne nicht aus. Daher plant die Gemeinde Stadland auf einer noch nicht festgelegten Fläche in Rodenkirchen Container aufzustellen, in denen die Kinder betreut werden können. „Das ist natürlich nur eine Übergangslösung und wird rund zwei Jahre bestehen bleiben“, erklärt Gerd Schierloh, der mittlerweile an der Planung für den Bau einer neuen Kita arbeitet. Das koste natürlich wieder viel Geld. „Mit zweieinhalb Millionen Euro muss man da schon rechnen“, weiß der Kämmerer. Zwar würden Zuschüsse die Kosten für die Gemeinde entlasten, aber es bleibe immer noch ein Millionenbeitrag übrig. Das ist ein hartes Stück, an dem die Kommune knabbern muss, denn der Haushalt wird auch 2018 in der Wesermarschgemeinde nicht sonderlich gut aussehen.

Grafiken KiTa Stadland Qualität der Kitas sichern

„Einen anderen Weg gibt es nicht“, schluckt Gerd Schierloh, der zwar eine Lösung für die mangelnden Kita-Plätze hat, aber nicht weiß, woher er das nötige Personal bekommen soll. „Es gibt schlichtweg kaum Erzieher, die in der Wesermarsch arbeiten möchten“, bedauert Corinna Evers, die gerne in Butjadingen lebt und Werbung für den Landstrich an der Weser macht.
Dabei leistete sich die Gemeinde Stadland sogar eine Qualitätsbeauftragte, die zusammen mit den Kitas Leitbilder erstellte. So hat sich jede der sechs Einrichtungen auf ein gewisses Themengebiet spezialisiert. Die Kindertagesstätte in Seefeld sei zum Beispiel ein Naturkindergarten, ein anderer hat sich auf Sport und Musik spezialisiert. „Wir wollten weg von der typischen Aufbewahrungsstation von Kindern“, erklärt Gerd Schierloh, dem die Qualität der Unterbringung sehr wichtig ist. Dem schließt sich Corinna Evers sofort an. „Stadland ist die einzige Gemeinde im Landkreis Wesermarsch, in der alle Kitas von der Kommune getragen werden. Somit können wir mit Hilfe des Qualitätsmanagements effektiv arbeiten“, erklärt sie.

Um den hohen Standard zu halten, ist es nötig, Erzieher für die Arbeit in der Gemeinde zu gewinnen. Dafür geht Stadland ungewöhnliche Wege. „Wir machen Werbung für den Beruf bereits in Schulpraktika und vor allem in den Abschlussklassen“, erklärt der Kämmerer. Zudem zahlt die Gemeinde den Schülern aus der Berufsfachschule im Bereich Erzieher/in während ihres Praktikums 200 Euro im Monat. Normalerweise würde diese Zeit gar nicht vergütet. „Das ist ja das Problem“, bemängelt Gerd Schierloh die Ausbildung zum Erzieherberuf, die insgesamt vier Jahre dauert und schlecht bis gar nicht bezahlt wird. Derzeit arbeiten rund 50 Erzieher/innen in der Gemeinde Stadland. Am Jahresende müssen es rund 60 werden, damit jedes Kind seinen gesetzlich garantierten Anspruch auf einen Kitaplatz hat. „Ist das nicht möglich, kommen hohe Strafen auf uns zu“, weiß der Kämmerer, denn Eltern haben dann die Möglichkeit, auf Schadensersatz zu klagen. „Das geht dann in Richtung Verdienstausfall und kann je nach Beruf des Elternteils ziemlich hoch ausfallen“, mahnt Corinna Evers. Doch so weit möchten es beide nicht kommen lassen. Daher arbeiten sie akribisch und mit viel Motivation an Lösungsmöglichkeiten.

Kostenübernahme noch unklar

Über die zusätzlichen Kosten aufgrund des Wegfalls des Elternbeitrages für Kitas machen sich Gerd Schierloh und Corinna Evers nicht so viel Sorgen. Insgesamt kosteten die Kitas 2017 2.277.427,45 Euro. Dagegen stehen die Einnahmen aus öffentlich-rechtlichen Gebühren, Zuwendungen vom Land und Landkreis sowie sonstigen Einnahmen in Höhe von 1.689.267,57 Euro. „Keine Kita arbeitet kostendeckend“, stellt Corinna Evers klar. So betrug der Zuschussbedarf im letzten Jahr für alle Einrichtungen der Gemeinde Stadland 588.159,88 Euro. Das macht einen monatlichen Zuschussbedarf je Kind von 141,25 Euro aus. Der Anteil der Eltern ist neben den sonstigen Einnahmen der kleinste Teil mit 335.066,25 Euro, was rund 15 Prozent der Gesamtaufwendungen ausmacht.“ Wer diesen Teil zukünftig übernehmen wird, hat sich die Politik noch nicht überlegt“, erklärt Gerd Schierloh, der hofft, dass die Kommunen nicht komplett dafür aufkommen müssen. „Ein gutes Beispiel dafür, dass die Politik den dritten Schritt vor den Zweiten macht“, kritisiert der Kämmerer die derzeitige Lage.

Sofortzuteilung statt Wartelisten

Corinna Evers sitzt derweil in ihrem Büro und empfängt häufig Eltern, die jetzt schon meinen, dass Kitas beitragsfrei sind. „Das wird erst ab August 2018 so sein“, betont sie und weist darauf hin, dass Kinderkrippen davon ausgenommen sind. Jene blieben weiterhin beitragspflichtig für Eltern. „Ich träume wirklich davon, dass Eltern bei mir wieder reinkommen, ihr Kind bei einer Kita anmelden wollen und ich sofort einen Platz zuweisen kann“, sagt Corinna Evers, die derzeit nur Wartelisten verwaltet. Ob das irgendwann wieder besser wird, bleibt zu hoffen. „Viel hängt eben davon ab, ob wir genug Fachkräfte nach Stadland bekommen“, fasst Gerd Schierloh zusammen.

Text: Jesco von Moorhausen