Nutria: Problematischer Einwanderer

Der Nutria breitet sich in der Region immer mehr aus und sorgt für Probleme. (Foto: pr)

Region. Dieser spezielle Nager hat viele Namen: Biberratte, Sumpfbiber oder Schweifratte. Der Nutria (Myocastor coypus) ist ein Tier, welches wir in Deutschland meist aus dem Zoo kennen. Zusammen mit Bibern zeigen sie sich dem Publikum. Doch der Nutria, eigentlich in Südamerika beheimatet, macht sich nun auch in unseren Gefilden breit – und das hat drastische Folgen.

„Der Nutria übertreibt es gerne einmal“, weiß Bernd Dalinghaus, Leiter der Jagdschule Oldenburg-Münsterland. Er hat derzeit ziemlich viel mit den ungehobelten Gästen zu tun. Gerne baut er sich sogenannte Kessel, die rund 50 Zentimeter unter der Erdoberfläche entstehen. Zunächst gibt es nur einen Zugang, doch nach und nach verfällt der Nutria in einen Baurausch und fertigt weitere Gänge. „Dann wird das ganze Gebilde unter der Erdoberfläche irgendwann instabil“, weiß Bernd Dalinghaus und kennt die Auswirkungen allzu gut. Landwirtschaftliche Geräte brechen schnell ein und bleiben stecken. Doch das Hauptproblem lege noch ganz woanders. „Die Nutrias bauen ihre Zugänge an Uferböschungen oberhalb der Wasserlinie“, so der Jagdschulleiter. Wenn das Gebilde einstürzt, dann bricht gleich ein großes Stück Uferböschung mit ab. „Das kann fatale Folgen für den Küstenschutz haben“, berichtet Jochen Meier vom Landkreis Friesland, Fachbereich Umwelt. Er gilt auch für die umliegenden Landkreise als Ansprechpartner zum Thema Nutria und hat sich umfangreich informiert und eingearbeitet. „Noch ist die Problematik in Friesland überschaubar“, weiß Jochen Meier, kennt aber auch andere Fälle. Im Landkreis Aurich vermehren sich derzeit die Nutrias rasend schnell. Während 2016 nur eine Handvoll Nutrias gejagt wurden, waren es nur ein Jahr später schon 50 Tiere.

Der Mensch muss die Population regeln

Bernd Dalinghaus betreibt die Jagdschule Oldenburger Münsterland und kennt sich zum Thema Nutrias aus. (Foto: pr)

„Nutrias weisen 130 Tage Tragezeit auf, was bedeutet, dass die Tiere pro Jahr drei Würfe haben“, erklärt Bernd Dalinghaus. Pro Wurf können bis zu sechs Nachwuchstiere hinzu kommen. Somit ist der Nutria in seiner Vermehrung sehr effektiv. „Zudem hat das Tier hier keine natürlichen Feinde“, so Bernd Dalinghaus weiter. Nur Fuchs und Wolf hätten maximal kleines Interesse an Nutrias als Nahrungsquelle. Somit muss der Mensch die Population regeln. Dafür soll in nächster Zeit sogar das Jagdrecht auf Nutrias geändert werden. Normalerweise gibt es Schonzeiten, doch diese werden voraussichtlich für Nutrias aufgehoben. „Der Entwurf dafür ist bereits fertig“, weiß Bernd Dalinghaus. Nutrias würden somit zukünftig den gleichen Status wie Ungeziefer erhalten. „Das ist leider nicht anders machbar“, bedauert Bernd Dalinghaus, der die Schäden, die Nutrias verursachen, gut kennt.

„Insbesondere beim Küstenschutz sollte man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen“, rät Jochen Meier vom Landkreis Friesland. Der massige Körper der Tiere, der oft über zehn Kilo Gewicht aufweisen kann, hinterlässt recht breite Gänge in zahlreichen Uferböschungen. Der Nutria macht auch bei Deichen keinen Halt. Im Gegenteil, er füge sich als idealer Lebensraum für den Nutria ein, denn das Tier müsse nicht direkt am Wasser leben. „Auch 300 Meter entfernt vom Ufer fühlt er sich wohl“, weiß Bernd Dalinghaus, der auch ein wenig Bewunderung für diese Tiere hat. „Das sind schon irgendwie Zauberer“, scherzt er, denn sie seien schwer aufzuspüren. Gejagt werden Nutrias entweder durch Fallen oder tatsächlich mit dem Gewehr.

„Der Nutria kam über Osteuropa nach Deutschland“, erklärt Bernd Dalinghaus. Dort gab es regelrechte Massentierhaltungen der Tiere, die für die Fell- und Fleischproduktion benutzt wurden. Insbesondere das Fell sei sehr beliebt, da es besonders fein und dicht ist. Zudem ergebe das Fell eines Nutrias nach dem Abziehen nahezu ein Rechteck, was die Weiterverarbeitung für Kleidungsstücke vereinfache, weiß Bernd Dalinghaus. Das Halten von vielen Nutrias auf kleinem Raum sei ebenso unproblematisch, da die Tiere ziemlich robust sind und keinerlei Krankheiten aufweisen. „Diese Massenfarmen sind nicht gerade schön“, weiß Bernd Dalinghaus, den es ärgert, dass aufgrund solcher unnatürlicher Haltung sich nun die Tiere ökologische Nischen in anderen Gebieten suchen. In Deutschland hat der Nutria perfekte Lebensräume ohne Gefahren für sich gefunden. „Das Besondere der Nutrias ist, dass sie an die Infrastruktur des Menschen gehen, also Landwirtschaft, Schiffsverkehr und Küstenschutz“, begründet Bernd Dalinghaus die Notwendigkeit der Bejagung. Dem schließt sich Jochen Meier an. „Wir müssen da deutlich einschreiten, ansonsten bekommen wir zukünftig große Probleme“, mahnt er.

Dass der Nutria eine Gefahr für den Küstenschutz ist, weiß auch Jagdexperte Sebastian Kolberg vom NABU. Doch er steht einer Änderung des Jagdrechtes kritisch gegenüber. „Eine reguläre Bejagung hat sich auf die Population der Nutrias nicht ausgewirkt“, erklärt Sebastian Kolberg und sieht hier ebenso Handlungsbedarf. Den Nutria aber in ein angepasstes Jagdrecht mit einzubinden hieße auch, das diese Tiere auch dort bejagt werden dürfen, wo sie keinerlei Schäden verursachen. Besser wäre nach Meinung des NABU-Sprechers beim Nutria das Wildtiermanagement anzuwenden. „Dieses beinhaltet auch jagdrechtliche Maßnahmen“, so Sebastian Kolberg. Dann würde der Nutria aber nur dort, wo er ein Problem ist, beseitigt werden.

Der Nutria ist eine inversible Art, die hier in der Region eine ökologische Nische gefunden hat, die ihm perfekte Lebensbedingungen beschert. Natürliche Feinde kennt das robuste Tier kaum, Krankheiten zur Regulierung der Population tauchen nicht auf. „Der Mensch muss hier einschreiten, um die Sicherheit für sich selbst zu gewährleisten“, erklärt Bernd Dalinghaus abschließend, der es auch lieber sieht, wenn die Natur sich selbst regelt. Aber dafür hätte der Mensch schon zu viel Einfluss genommen.