Wenn der Alltag zu grau ist – Cosplayer treffen sich in Oldenburg

Andreas, Anna, Astrid und Nina (v.l.) sind begeisterte Cosplayer und schlüpfen gerne an einem Wochenende in ihren fiktiven Charaktere. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Oldenburg. Trends und Mode sind zeitlich begrenzte Erscheinungen und erscheinen genauso schnell wie sie wieder verschwinden. Oft schwappt aus dem Ausland etwas herüber so wie „Cosplay“ aus Japan. Hier bei handelt es sich nicht nur um einfaches Verkleiden. Cosplayer, wie die Angehörigen dieses Trends heißen, schlüpfen in Rollen virtueller Figuren aus asiatischen Comics wie Animes und Mangas sowie aus Computerspielen. Ihre Kleidung ist teilweise für viel Geld gekauft oder aufwendig selbst geschneidert. Die Protagonisten nehmen zudem das Verhalten der Charaktere an. In ganz Deutschland treffen sich Gleichgesinnte, so wie kürzlich in Oldenburg auf dem Schlossplatz.

„Die reale Welt ist so grau“, bemängelt die 20jährige Liane aus Rotenburg. Sie fuhr mit ihrem 24jährigen Freund Kevin nach Oldenburg, um am großen Cosplay-Treffen mit über 90 Teilnehmer mitzumachen. Es sei einfach schön in diese bunte Welt einzutauchen. Ihre Kleidung lehnt sich an Anime-Charaktere an und verkörpert das krasse Gegenteil des Alltags. Im wahrem Leben ist sie Verkäuferin und nicht sonderlich glücklich im Beruf. Als Cosplayer fühlt sich Liane nach eigener Aussage deutlich wohler, auch wenn vorbeiziehende Passanten sie tuschelnd begutachten. „Das stört mich nicht“, erklärt Liane, die die Kultur in Japan viel schöner und interessanter findet. Freundschaft zähle dort vielmehr als in unseren Breiten. Das sei auch einer der wichtigsten Themen in Animes und Mangas. Deswegen plane die Rotenburgerin, Deutschland in zwei Jahren zu verlassen und nach Asien auszuwandern. Dafür lerne sie bereits schon fleißig japanisch.

Fantasievoll zeigen sich die Kostüme bei den Cosplayern. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Ihre Begleitung Kevin ist am heutigen Tag nicht verkleidet. „Ich habe noch keinen passenden Charakter gefunden“, erklärt der leidenschaftliche Computerspieler, der sich seit 13 Jahren ausgiebig mit Animes beschäftigt. Der gelernte Kaufmann hat extra für das Treffen Urlaub genommen – wie auch Liane. Beide wollten sich das Spektakel in der Huntestadt nicht entgehen lassen.Seit zweieinhalb Jahren ist die 16jährige Jessy bereits in der Cosplay-Szene dabei. Die Oldenburgerin besucht die Berufsschule und macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau. In der anderen Welt ist sie ein Vampir aus der japanischen Manga-Serie „Owari no Seraph“. „Das kann sich aber durchaus von Treffen zu Treffen ändern“, kündigt Jessy an, denn sie habe zu Hause zehn verschiedene Cosplay-Outfits. Alle stammen aus dem Anime- und Mangabereich. „Meine Eltern rümpfen zwar die Nase aber unterstützen mich auch“, erklärt die Oldenburgerin. Die Kleidung sei sehr teuer und somit bräuchte sie die Hilfe ihrer Eltern. Für Jessy sei es aber ein wichtiges Hobby, welches sie gerne ausleben möchte.

 

 

Jana, 17 Jahre alt, ist ein Mädchen. Zumindest in der realen Welt. In der Cosplay-Szene schlüpft sie in die Rolle von Izuna, einem Jungen. „Es ist eben alles möglich bei uns“, erklärt die Schülerin aus Nordenham. Der Geschlechtertausch sei bei Cosplayern gar nicht selten. Auf Treffen werden die Teilnehmer alle mit ihrem Rollennamen angesprochen und auch so untereinander gesehen. „Ich möchte hier neue Leute kennenlernen, Freunde finden und über Serien fachsimpeln“, erklärt Jana alias Izuna.

Freundschaft ist bei Cosplayern einer der höchsten Güter. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Das wirklich alles möglich ist beweist ihre Freundin Jule. Die 15jährige hat ihr menschliches Dasein gegen ein fantasievolles Tier eingetauscht. „Ich bin der Angeldragon Kiiz“, stellt sie sich vor. Dabei handele es sich um einen ausgedachten Charakter, der in keinem Comic oder Computerspiel zu finden ist. Cosplayer in Tierkostümen sind seltener aber auf jedem Treffen zu finden.

Eigentlich ist Andreas aus dem emsländischen Dersum sogar etwas schüchtern. Der 29jährige Kranführer hat sich als Cosplayer aber einen bösen Charakter gewählt: Deathstroke. Sein Kostüm ist aufwendig und furchteinflößend. „Cooool!“, ruft ein kleiner Junge, der den Charakter aus den DC Comics her kennt. Andreas klappt sein Visier herunter und geht in Pose. Dann lässt er sich in Ruhe fotografieren. „Das ist auch ein bisschen der Grund, warum ich das mache“, erklärt Andreas, der den Kindern gerne eine Freude bereiten möchte. Sein Hobby ist nicht gerade günstig. Über 400 Euro musste er für sein aktuelles Outfit ausgeben.

Seine Begleitung Nina aus Papenburg schlüpft in eine Rolle, die auch nicht erfahrene Anime- und Mangafans kennen. Pikachu, das gelbe niedliche Tier aus der Serie Pokémon, das sich mit Blitzen zu verteidigen weiß, ist ein Klassiker. Die 18jährige Auszubildende zur Rechtsanwaltsangestellte hat sich schon als Kind für Pikachu begeistert. Daher war es naheliegend, dass sie sich für diese Rolle entscheidet.

Etwas lasziv kommt Anna daher. Sie verkörpert den Charakter Mary Christiansen aus dem Computerspiel „Dream Daddy“. Dabei handele es sich um ein virtuelles Dating-Spiel. Das obligatorische Glas Rotwein darf dabei nicht fehlen. Cosplayer achten auf alle Kleinigkeiten und versuchen so nah wie möglich an ihre Rolle heran zu kommen. Anna besucht im realen Leben die Schule und macht Abitur. „Ich habe noch nie mit anderen Leuten schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich mich so gebe“, berichtet die Papenburgerin, die auch größere Treffen wie die Gamescon und die Leipziger Buchmesse besucht.

Grenzen gibt es bei Cosplayern nicht. So schlüpfen manche sogar in Tierrollen. (Foto: Jesco von Moorhausen)

Spielehersteller und Autoren seien sehr interessiert an der Cosplay-Szene. Hin und wieder würden Cosplayer für Werbezwecke gebucht. Das sei viel authentischer als wenn man ein gebuchtes Model in die Verkleidung stecke, die den Charakter noch nicht einmal kennt. Das Verkleiden reicht Cosplayern nicht aus. Sie nehmen das typische Verhalten ihrer virtuellen Charaktere an.

Ganz offen spricht Jolina, 15 Jahre, Schülerin aus Nordenham über ihr Hobby und die Reaktionen einiger ihrer Mitschüler. „Man wird schief angeschaut und teilweise auch gemoppt“, bedauert sie, die den Charakter Yuna aus Final Fantasy angenommen hat. Ihr Kostüm hat sie sogar selbst gefertigt. Sie genießt das Zusammensein mit Gleichgesinnten, weil sie dann keiner Häme ausgesetzt ist, wie an ihrer Schule. Begleitet wird sie von ihrer Freundin Tanja aus Bremen, die bereits 21 Jahre alt ist. „Wir haben uns damals in Bremen getroffen und verkörperten den gleichen Charakter“, erzählt sie. Daraufhin hätten sie sich angefreundet. Für das Treffen in Oldenburg wählte die Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau die Figur Noctis ebenfalls aus Final Fantasy. Cosplayer haben oft mehrere Figuren zur Auswahl. Je nach Tagesstimmung wird dann für ein Treffen das passende Kostüm gewählt.

Cosplayer sind eine eingeschworene Gemeinschaft, in der Freundschaft einen hohen Stellenwert einnimmt. Altersunterschiede sind dabei unwichtig. Auch der Bildungsstand ist unerheblich. Was zählt ist das gemeinsame Hobby und die Faszination für eine Kultur, die im Westen noch nicht allzu bekannt ist und deswegen leider teilweise auf Ablehnung trifft.